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„Die sprichwörtlichen Ärmelschoner haben wir schon lange abgelegt.“

Im Interview: Mag. Herbert Houf/ZSS

Dezember 2020

Die COVID-19 Krise ist allgegenwärtig, auch in der Branche der Steuerberater und Wirtschaftstreuhänder. Kammerpräsident Herbert Houf beantwortet im Interview Fragen nach den Folgen von Corona auf die Berater*innen und ihre Klient*innen. Außerdem spricht er über Leistungsdruck und Work-Life-Balance und welche Maßnahmen die Kammer setzt, um das Berufsbild der Steuerberater und Wirtschaftstreuhänder attraktiv zu gestalten.

Foto: Präsident Mag. Herbert Houf/© KSW

Das Berufsfeld „Steuern“ gilt oft als trockene Materie und wenig attraktiv. Was macht den Beruf der Steuerberaterin/des Steuerberaters aus Ihrer Sicht dennoch reizvoll?

Herbert Houf: Dazu gibt es zwei wesentliche Aspekte: Einerseits umfasst der Tätigkeitsbereich der Steuerberater/in wesentlich mehr als nur ‚Steuern‘. Wir sind Experten in allen Fragen des Rechnungswesens und der Finanzberichterstattung, Gutachter, Berater in rechtlichen und wirtschaftlichen Fragen des täglichen Unternehmerlebens, bei der Organisations- und Prozessgestaltung bzw. in betriebswirtschaftlichen Fragen generell. Auch die Vertretung in einschlägigen Verwaltungsverfahren bis hin zum VwGH ist per se schon eine spannende Aufgabe. Andererseits bekommt man in keinem anderen Beruf einen so umfassenden Einblick in Unternehmen der unterschiedlichsten Größenordnungen und Branchen. Das ist abwechslungsreich und herausfordernd. Nicht zuletzt auf Grund dieses umfassenden Berufsbildes sind Steuerberater/innen auch außerhalb unserer Branche sehr begehrte Mitarbeiter.

Welche Aktivitäten setzt die Kammer, um den Berufsstand attraktiver zu gestalten?

Natürlich spüren wir den ‚war for talents‘ in unseren Kanzleien und bemühen uns daher vor allem bei den Studierenden, das Interesse an unseren Berufen verstärkt zu wecken. Durch das WTBG 2017 haben wir einige wichtige Schritte gesetzt, um die beiden Berufe Steuerberater und Wirtschaftsprüfer besser zu positionieren und auch die Ausbildung attraktiver zu gestalten. Unsere kammereigene Akademie hat in diesem Punkt eine zentrale Rolle. Die sprichwörtlichen ‚Ärmelschoner‘ haben wir schon lange abgelegt. Wir sind ein hochspezialisierter, technologisch bestens aufgestellter Berufstand mit hervorragenden Karrierechancen, egal ob als freiberuflicher Unternehmer oder im Dienstverhältnis. Und wie sich gerade zeigt, ist unsere Branche durchaus krisenfest.

Der Statistikreport der Kammer 2020 zeigt, dass der Frauenanteil fast ausgeglichen bei 48% im Bereich der Steuerberatung liegt. Im Gegensatz dazu sind es nur 29% Frauen in der Wirtschaftsprüfung. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? Und wie sieht es mit der Verteilung auf Partner*innen-Ebene aus?

Mehr noch als die aktuelle Verteilung ist der Trend der letzten Jahre interessant, wonach rund 60% aller hinzukommenden Berufsangehörigen Frauen sind. Das liegt sicher daran, dass viele Arbeiten – nicht erst seit COVID-19 – orts- und zeitunabhängig erledigt werden können und die Beschäftigung nahezu beliebig skalierbar ist. Damit lassen sich nahezu alle individuellen Wünsche zur Gestaltung der persönlichen Arbeitswelt realisieren. Im Projektgeschäft – dazu gehört die Abschlussprüfung – ist das nicht so uneingeschränkt der Fall. Vermutlich haben wir daher in diesem Bereich noch nicht ‚gender equality‘ erreicht. Aber auch dort sind wir auf einem guten Weg und auch auf der Ebene der Partner/innen ziehen vermehrt Frauen ein.

Erst wenn Familie „Familiensache“ ist, haben wir echte Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern.

Welche Maßnahmen kann die Kammer zur Unterstützung von Chancengleichheit und „work-live-balance“ setzen?

In der Kammer selbst sind 60% der Leitungsfunktionen mit Frauen besetzt. Nicht weil wir eine möglichst hohe Quote erreichen wollen, sondern Personalentscheidungen nach rein sachlichen Kriterien getroffen werden. Flexible Arbeitszeiten und die Möglichkeit zum Home office erlauben es, die individuell gewünschte ‚balance‘ zu finden und steigern die Attraktivität des Arbeitsplatzes, auch in unseren Kanzleien. Daher interessieren sich Frauen auch in besonderem Maße für unsere Berufe. Aber deswegen dürfen wir uns nicht zufrieden zurücklehnen. Solange wir argumentieren, dass wir ein familienfreundlicher Beruf sind und sich deswegen so viele Frauen dafür interessieren, haben wir uns von dem Vorurteil, dass Familie Frauensache ist, noch nicht entfernt. Erst wenn Familie ‚Familiensache‘ ist, haben wir echte Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern. Aber da wird sich unsere Gesellschaft noch ein wenig weiterentwickeln müssen, bis es soweit ist. Als Kammer können wir versuchen beizutragen, dass sich der ‚Mindset‘ entsprechend verändert.

Die Steuerberatung ist eine anspruchsvolle Dienstleistung und entsprechend hoch sind die Anforderungen an Aus- und Weiterbildung für die Berufsträger*innen und die Mitarbeiter*innen. Wie können die Steuerberater*innen selbst mit diesem Leistungsdruck Schritt halten?

Als Freier Beruf sind wir es gewohnt, auch unter großer Belastung gewissenhaft und eigenverantwortlich zu arbeiten. Auch das berühmte ‚lebenslange Lernen‘ ist seit jeher Teil unserer Berufsbilder Steuerberater und Wirtschaftsprüfer. Das ist einerseits anstrengend, andererseits die Grundlage für das ausgezeichnete Image unseres Berufsstands und die große Wertschätzung für unsere Expertise. Die Doppelrolle – Fachexperte einerseits und Unternehmer andererseits – war schon immer eine große Herausforderung.

Digitalisierung ist inzwischen in vielen Branchen mehr als nur ein Schlagwort und erlebt nicht zuletzt durch COVID-19 einen massiven Aufschwung. Wie sieht die Zukunft der digitalen Steuerberatung Ihrer Meinung nach aus?

Mit dieser Frage beschäftigen wir uns schon seit längerem und haben in unserer Kammer gerade einen Strategieprozess gestartet, in dem die Zukunft und Weiterentwicklung der Berufsbilder Steuerberater und Wirtschaftsprüfer systematisch erarbeitet werden sollen. Die Auswirkungen des technologischen Fortschritts sind hier gleichermaßen zu adressieren, wie gesellschaftliche Veränderungen. Zweifellos werden manche Tätigkeiten in den nächsten Jahren wegfallen, dafür werden sich neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen. In jedem Fall werden wir in 5 – 10 Jahren anders arbeiten als heute.

Wie haben Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen in der Kammer den Umgang der Abgabenverwaltung mit den Herausforderungen der COVID-19 Krise wahrgenommen? Gibt es aus ihrer Sicht Verbesserungspotential?

Die klaren Vorgaben an die Finanzverwaltung, insbesondere im Bereich der Abgabeneinhebung, haben den Unternehmen den nötigen Spielraum gegeben, den Fokus ihrer Anstrengungen auf ihre ureigensten unternehmerischen Aufgaben und das wirtschaftliche Überleben zu richten. Spannend wird es, wie wir hier wieder schrittweise zum ‚Normalbetrieb‘ zurückkehren können.
 

Natürlich wusste man von Anfang an, dass „aufgeschoben nicht aufgehoben“ ist.

Wenn die Zahlungserleichterungen für Unternehmen im Zuge der COVID-19 Krise seitens der Finanzverwaltung wegfallen, ist eine Schockwirkung für zahlreiche Betriebe zu erwarten. Wäre eine Verlängerung seitens der Politik geboten? Welche Vorsorgemaßnahmen können die Berater*innen für ihre Klienten treffen?

Die bislang gewährten Abgabenstundungen waren ein wesentlicher Beitrag, um die Liquidität der Unternehmen aufrecht zu erhalten. Natürlich wusste man von Anfang an, dass ‚aufgeschoben nicht aufgehoben‘ ist. Nachdem wir gerade beobachten, dass die Auswirkungen der COVID-19-Krise uns nun doch etwas länger beschäftigen werden als erhofft, wird man daher auch über weitere Stundungen nachdenken müssen. Aus unserer Sicht sollte dabei jedoch zunehmend eine individuellerer Handhabung Platz greifen, d.h. nicht mehr Stundung für alle, sondern für diejenigen, die es wirklich brauchen, um überleben zu können – und auch eine realistische Chance haben, zu überleben.

Zum Thema Abgabenhinterziehung: Jedes Jahr werden im langjährigen Durchschnitt mehr als 7.000 Selbstanzeigen erstattet, im zeitlichen Umfeld der Steuerabkommen mit der Schweiz und Liechtenstein war die Zahl für einige Jahre sogar mehr als doppelt so hoch, im vergangenen Jahr 2019 haben rund 24.500 Prüfungsmaßnahmen der Finanzverwaltung ein steuerliches Mehrergebnis von rund € 1,1 Milliarden eingebracht.[1] Wie steuerehrlich sind denn die Österreicherinnen und Österreicher?

Nicht nur die einschlägige Statistik sondern auch meine persönliche Erfahrung zeigen, dass weit über 90 % aller Abgabepflichtigen in Österreich ihre Steuern pünktlich und korrekt bezahlen. Die Steuerberater/innen leisten dazu zweifellos einen wesentlichen Beitrag. Durch die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft ist aber natürlich auch der (internationale) Abgabenbetrug deutlich angestiegen. Andererseits hat die Weiterentwicklung des zwischenstaatlichen Informationsaustausches und mehr Transparenz bei internationalen Steuergestaltungen gewisse ‚Schlupflöcher‘ geschlossen. Insgesamt ist es wohl die schwierigste Aufgabe für jede Steuerverwaltung, mit gezielten und wirksamen Maßnahmen Steuerbetrug zu bekämpfen, ohne die überwiegende Zahl an Steuerehrlichen unangemessen zu belasten oder zu verfolgen. Da werden wir einen aufmerksamen Blick darauf haben, ob auch in diesem Bereich die ‚balance‘ passt.

 

 

[1] Daten und Fakten der Steuer und Zollverwaltung 2019, https://www.bmf.gv.at/services/publikationen/berichte-bilanzen.html abgerufen am 19.08.2020: Prüfungsmaßnahmen der Finanzverwaltung; Außenprüfung Finanzämter 21.043 Fälle Prüfungsergebnis 546,68 Mio. Euro; Außenprüfung Finanzämter 3.556 Fälle Prüfungsergebnis 565,83 Mio. Euro

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